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(c) PESTER LLOYD / Juli 2008
AKTUELL zum THEMA: Radovan Karadzic verhaftet (AFP)
Serbien: Abkehr von der dunklen Seite
Jeden Abend um 23.25 Uhr startet der Nachtzug vom Budapester Ostbahnhof nach Belgrad. Wenn der Zug am Morgen in die serbische Hauptstadt einrollt, fängt diese bereits zu pulsieren an. Krieg und Konflikte liegen nur wenige Jahre zurück und noch immer sind die Spuren davon im Stadtbild zu sehen.
Doch Belgrad hat sich auch herausgeputzt. Auf der Fußgängerstraße Knez Mihajlova im Zentrum der historischen Altstadt strömen die Touristen Richtung Burg. In der Skadarlija-Straße hat sich das Belgrader Künstlerviertel eingenistet. Darüber hinaus ist für den an Geschichte Interessierten in Belgrad alles zu bekommen, was er für interessant hält. Von römischen Spuren spannt sich der Bogen über das serbische Reich, die osmanische Periode bis hin zu Jugoslawien und der Zeit der Bombardierungen Ende der 1990er. Nun geht Serbien langsame Schritte in Richtung Europäische Union.
Prächtiges Beispiel serbischen Jugendstils: das Moszkva Hotel
Wie stellt man sich den Balkan vor? Die Historikerin Maria Todorova hat diese Frage in ihrem 1997 erschienenen Buch „Die Erfindung des Balkans“ wissenschaftlich aufgearbeitet und ist dabei zu der Erkenntnis gelangt, dass der Begriff „Balkanismus“ ein Stereotyp entwarf, das vornehmlich negativ besetzt ist. Während 1912/13 die Balkan-Kriege wüteten, erlebte der Rest von Europa eine bis dahin nicht gekannte Friedensperiode. Dem Balkan haftete fortan das Bild von mangelnder Zivilisation und Brutalität an. Laut Todorova wurde der Balkan jedoch nicht als etwas grundlegend anderes betrachtet, sondern vielmehr als die dunkle Seite Europas.
St. Markus-Kirche
Keine Änderung in der Kosovo-Frage
Der zukünftige serbische Ministerpräsident Mirko Cvetkovic weiß, dass Serbien auf seinem Weg in die EU nicht um die vollständige Zusammenarbeit mit dem ungeliebten UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag (ICTY) herumkommt. Er muss nun dafür Sorge tragen, dass die beiden meist gesuchten mutmaßlichen Kriegsverbrecher, Ratko Mladic und Radovan Karadzic, verhaftet werden. Dennoch beließ es Cvetkovic in seiner kürzlich abgegebenen Regierungserklärung bei ein paar formalen Versprechungen, Serbien werde alle internationalen Verpflichtungen einhalten.
In der Kosovo-Frage ist von Cvetkovic keine Neuausrichtung zu erwarten. Seine Regierung werde die Unabhängigkeit des Kosovo „niemals anerkennen“ und „mit allen rechtlichen und diplomatischen Mitteln“ um das Gebiet kämpfen, sagte er. Gleichzeitig kündigte er an, sich um neue Gespräche mit den Kosovo-Albanern zu bemühen, um eine „für beide Seiten akzeptable Lösung“ zu finden.
Wie realistisch eine solche „Lösung“ ist und wie sie mit Serbiens Ziel eines EU-Beitritts vereinbar ist, sagte Cvetkovic allerdings nicht.
Bislang haben 20 der 27 EU-Länder Kosovo als unabhängigen Staat anerkannt. Deswegen sieht auch der britische Botschafter in Serbien, Stephen Wordsworth, die Anerkennung des Kosovo nicht als Voraussetzung für Serbiens EU-Beitritt, wie er dem Magazin „Belgrad Insight“ sagte. „20 EU-Staaten erkennen den Kosovo an, sieben tun es nicht und haben in naher Zukunft auch keine entsprechende Absicht. Wir können von Serbien nicht mehr verlangen, als die EU-Staaten bereit sind zu tun“, findet der Diplomat.
Sommer, Sonne, Visumspflicht
Vielmehr noch als auf der politischen Ebene ist der Austausch in der breiteren Bevölkerungsschicht von entscheidender Bedeutung, um vorhandene Stereotype und Vorurteile abzubauen. Dabei wird es den Serben nicht sonderlich leicht gemacht. Trotz der seit Januar geltenden Visaerleichterungen bleibt das Reisen für viele serbische Bürger kostspielig und zeitaufwendig. Sie müssen nicht nur ein Gesundheitszeugnis, eine Einladung und ein Motivationsschreiben abliefern, sondern auch mit Flugtickets, Beschäftigungsnachweisen und einer Reiseversicherung glaubhaft machen, dass ihr Aufenthalt finanziell abgesichert ist. Rentner haben den letzten Rentenbescheid vorzulegen, Studenten ihre Zeugnisse und die Immatrikulationsbescheinigung.
Doch nicht alle Serben können sich das leisten: Bei einem Durchschnittseinkommen von rund 350 Euro im Monat reißt auch die seit Januar 2008 von 60 auf 35 Euro herabgesetzte Visumgebühr ein großes Loch ins Portemonnaie. Angesichts der finanziellen und bürokratischen Hürden verzichten viele lieber gleich auf eine Reise ins Ausland. Besonders junge und mobile Menschen sind von den strengen Visavorschriften betroffen, die infolge der Balkankriege zu Beginn der 90er Jahre eingeführt worden waren. Bei einer Untersuchung der serbischen Studentenvereinigung vor drei Jahren kam heraus, dass 80 Prozent von ihnen noch nie im Ausland waren. Schlimmer noch: Die meisten Studierenden fühlten sich laut der Umfrage Europa nicht zugehörig und vertraten die Ansicht, dass sie in Europa nicht willkommen sind.
Bei einer Reise durch das heutige Serbien entsteht schnell der Eindruck, dass alle Vorurteile nichts als Gespenster sind. Der Balkan aber ist kein Schreckgespenst. Aufgrund seiner Heterogenität hat er bis in die jüngste Vergangenheit viele Kriege ausgefochten. Die jugoslawische Familie ist zerbrochen und das sich immer als Mutterland sehende Serbien ist nun eine alleinstehende Frau. Unterdrückte Konflikte stellen die größte Gefahr von allen dar und bedürfen einer verantwortungsbewussten Lösung, das heißt Austausch, das heißt Aussöhnung. Serbien und seine Nachbarstaaten müssen sie für sich allein lösen, bevor sie der EU beitreten können und die zumindest in der allgemeinen Wahrnehmung dunkle Seite Europas verlassen.
Text und Fotos: Sebastian Garthoff
(c) PESTER LLOYD
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