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(c) PESTER LLOYD / 29. Mai 2008
Dort sein, wo die Action ist...
An der Wiener Wirtschaftsuniversität (WU) studieren hunderte junger Leute aus CEE. Der Pester Lloyd sprach mit Austauschstudenten aus der Slowakei und vom Westbalkan über ihre Beweggründe, Erfahrungen und Enttäuschungen. Prof. Arnold Schuh, Direktor des "CEE Competence Centers" der WU erklärt, warum es österreichsiche Absolventen in Zukunft schwer haben werden auf dem CEE-Arbeitsmarkt.
Die Slowakin Jozefina studiert in Wien mit "Joszef". Auch ihr Landsmann Ondrej hat sich für ein Jahr an der Wiener Wirtschaftsuniversität (WU) entschieden. Doch wer ist Joszef? Joszef ist, nein sind: "Junge Mittel- und Osteuropäische Studierende als zukünftige erfolgreiche Führungskräfte". Hinter diesem ebenso programmatischen wie sperrigen Titel verbirgt sich seit 1994 ein Austauschprogramm, dass jährlich junge Leute von osteuropäischen Universitäten an die WU nach Wien bringt und ihnen hier Wissensvertiefung und Erfahrungsaustausch als Vorbereitung auf ihre zukünftigen Managementaufgaben in CEE ermöglichen soll.
Doch warum nach Wien? Warum nicht Oxford, Paris, Rom? "Wegen der deutschen Sprache", sagt Ondrej Mäsiar, der sonst in Banska Bystrica studiert. "Wir haben ein deutsches Gymnasium absolviert doch die meisten anderen Programme, wie Erasmus und Sokrates laufen fast nur auf Englisch." "Ausserdem hat mich einfach gereizt, ein Jahr lang mit 20 jungen Leuten aus Osteuropa zusammen lernen zu können. Und die WU hat die beste Werbung für sich gemacht", ergänzt Jozefina. Ondrej berichtet von wertvollen Einblicken in die Psyche seiner österreichischen Kommilitonen bei Gruppenarbeiten: "Das war für mich sehr interessant zu sehen: die Österreicher waren alle chic angezogen, sagten auch alle brav ihre Meinung zur Aufgabenstellung, aber eine richtige Dynamik kam kaum zu stande. Weil niemand richtige Führungsverantwortung übernehmen wollte, konnten wir in der vorgegebenen Zeit die Aufgabe kaum fertig stellen.", schildert er.
"Ich will meinen unternehmerischen Geist Schulen, Barrieren überwinden..."
Fachlich, so die drei Studenten der Betriebs- bzw. Volkswirtschaftslehre und des Internationalen Managements unisono, sei alles toll, aber viel zu theoretisch. "Das theoretische Niveau ist zwar hier hoch, aber im Prinzip lernen wir das gleiche nochmal auf Deutsch, was wir zu Hause in unseren Muttersprachen gelernt haben." Was fehlt, sind spezifische Informationen. Immerhin sollte man von Wien, in dem rund 300 Unternehmen ihre Osteuropazentralen aufgeschlagen haben, unmittelbareres Know how erwarten können. Doch die von der Politik, vielen Verbänden und Institutiönchen immer wieder beschworene CEE-Kompetenz scheint im Studienalltag nicht sonderlich greifbar: "Wir lernen hier, wie es in Westeuropa funktioniert. Das ist zwar gut und wichtig, aber die Situation bei uns ist doch ein wenig anders." Daher wollen die jungen Leute - entgegen mancher Vorurteile und Ängste im Westen - am Ende doch lieber wieder in ihre Heimat, auch wenn ein Praktikum bei einem CEE-affinen Unternehmen Teil des Austauschprogrammes ist.
3.000 der 22.000 WU-Studenten stammen aus Osteuropa
Eine Studentin vom Westbalkan begründet das so: "Ich will meinen unternehmerischen Geist schulen. Hier erhalte ich zwar das theoretische Rüstzeug, doch als unternehmerischen Geist bezeichne ich die Fähigkeit, Barrieren zu überwinden. Und das kann man am besten da, wo große Barrieren vorhanden sind.", meint sie in Anspielung auf die politische und wirtschaftliche Situation in ihrer Heimat.
"Auch ich will dort sein, wo die Action ist...", sagt Jozefina Micková (Foto), Austauschstudentin aus der Slowakei, "und die Action ist doch zur Zeit mehr in der Slowakei und den Ländern Osteuropas als in Österreich", meint die junge Frau, die aus einem Ort nahe der polnischen Grenze stammt und sonst in Bratislava studiert. Auch der Kontakt zu den Einheimischen ist nicht gerade überschwenglich. Man hat zwar bei Lehrveranstaltungen miteinander zu tun, doch registriert man die Österreicher als zwar höflich, aber auch als distanziert und formell. Warum die Stimmung gegenüber der EU und der EU-Erweiterung in breiten Teilen der Bevölkerung in Österreich so mies sei, fragen wir zum Schluss: Nach kurzem kommt eine gelassen selbsbewusste Antwort von Jozefina: "...vielleicht weil sie Angst haben vor uns?"
"Vergessen Sie den Ostblock!"
Diese vermutete Angst ist nicht unbegründet. Neben den Austauschstudenten stammen fast 3.000 der rund 22.000 eingeschriebenen Studenten an der Wirtschaftsuniversität Wien in diesem Studienjahr aus Osteuropa. "Diese Zahl ist jedoch mit Vorsicht zu geniessen", räumt gleich Prof. Arnold Schuh (Foto), Direktor des CEE Competence Centers der WU (CC) ein. "Gehen wir lieber von 500-1000 aktiven Studenten aus CEE /SEE aus. Schliesslich haben wir hier freien Unizugang." Daher wisse man nicht so ganz genau, was all die anderen hier so treiben. 65% scheitern an der Uni im Studienverlauf ohnehin, so weiss man spätestens nach den ersten Zwischenprüfungen was die Zahlen wert sind. Der agile Professor versucht sein CC als Anlaufstelle für Lehrkräfte wie Studierende zu etablieren. "Wir wollen die Plattform und zentrale Schnittstelle für alle CEE-relevanten Anliegen von Diplomarbeiten über Gastvorträge bis hin zu Job- und Praktikabörsen sein." Auch das Joszef-Programm gehört dazu. Besonders wichtig: der Link zu Partnern in der Wirtschaft, das eigentliche A und O einer praxisnahen Ausbildung. Arnold Schuh hat dafür gesorgt, dass es dabei nicht nur eine Vermehrung der "Generation Praktikum" gibt - so ist ein Entgelt von 525.- EUR eine Mindestanforderung an die kooperierenden Unternehmen.
CEE-Enthusiasmus gegen akademische Besitzstandswahrung
Desweiteren steht der Wissenstransfer zwischen der WU und 31 Partneruniversitäten in Mittel- und Osteuropa, Stipendienprogramme für Doktoranten aus CEE-Ländern, die Einbindung von Gastprofessoren auf der Agenda des CC. Wobei hierbei durchaus nicht wenige interne Hemmnisse akademischer Besitzstandswahrung an der WU sichtbar werden, wie der Professor anmerkt. Daher ist die als Ziel ausgerufene "generelle Integration von CEE-Studienprogrammen" in Master- und Bachelorprogramme längst nicht so leicht umzusetzen. Und so wird unsere Frage nach verbindlicher Ostsprachenkenntniss für alle WU-Studenten angesichts der immensen Bedeutung des CEE-Wirtschaftsraumes für Wien und Österreich auch nur mit einem lächelnden Kopfschüttel beantwortet. "Wünschen kann man sich das, aber wie soll man das bei 22.000 Studenten umsetzen." Schuh wäre schon froh, ein größeres Verständnis und eine Selbstverständlichkeit für CEE-Thematiken befördern zu können. "Ich sage immer: vergesst endlich den "Ostblock". Ein Resümee, dass im Jahre 19 nach der Wende wie eine kleine Niederlage klingt, bei allem produktiven Enthusiasmus den Prof. Schuh und seine Mitstreiter aufbringen.
"Es gibt immer mehr Unternehmen, die Bewerber ohne CEE-Hintergrund nicht einmal mehr zu einem Bewerbungsgespräch zulassen."
"Unser CC bemüht sich Chancen und Zugänge zu schaffen", nutzen müssen die Studierenden diese freilich selbst. Der kürzlich gegründete Unicredit CEE Students Cercle soll eben diese Zugänge offenbaren. Eine erste Veranstaltung, bei der der Pharmariese Beiersdorf für seine CEE-Strategie warb, war aber noch sehr dünn besucht. Arnold Schuh bringt die Sache auf den Punkt: "Es gibt immer mehr Unternehmen, die Bewerber ohne CEE-Hintergrund, also ohne Sprachkentnisse oder einschlägige praktische Erfahrungen vor Ort nicht einmal mehr zu einem Bewerbungsgespräch zulassen." Schlechte Karten also für die österreichischen Studierenden. Deren Qualifikationslücke wird immer grösser, wenn man bedenkt, dass in diesem Jahr lediglich die verschwindend geringe Zahl von 69 österreichsichen WU-Studenten ein Austauschsemester in einem CEE-Land absolviert. "Wenn die Österreicher nicht wollen, dann werden eben Bewerber aus den anderen Ländern Mittelosteuropas in Zukunft die besseren Jobs bekommen.", resümiert Prof. Schuh so pragmatisch wie gnadenlos. Und es klingt ein wenig nach dem berühmten Gorbatschow-Zitat von den Zuspätkommern, die vom Leben bestraft werden.
www.wu-wien.ac.at/cee
Marco Schicker
Fotos: WU
(c) PESTER LLOYD
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