|
(c) PESTER LLOYD / 23. April 2008
Preis der Freiheit?
Das Bild vom boomenden Osteuropa trifft nur den kleinsten Teil der Lebensrealität. In den osteuropäischen EU-Mitgliedsstaaten lebt nur jeder Zehnte annähernd auf westlichem Niveau. Unterbeschäftigung, Armut und mangelnde Infrastruktur sind fast überall an der Tagesordnung. Ungarn bildet in vielen Bereichen das Schlusslicht.
 |
Innerhalb der Europäischen Union weist Ungarn die niedrigste Beschäftigungsrate auf. Darüber hinaus gehören der Anteil Beschäftigter und die Produktivitätsrate ebenfalls zu den niedrigsten in der erweiterten EU. Die Zahl der Armen ist hoch und es finden sich hierzulande vergleichsweise wenig Fahrzeuge und Computer. Diese ernüchternde Bilanz steht im jüngst veröffentlichten „Europäischen Gesellschaftsbericht“ des Tárki. Das bekannte Budapester Forschungsinstitut analysierte und wertete im Auftrag der UniCredit Bank entsprechende Statistiken der EU-Statistikbehörde Eurostat von 2005 aus. Die Zahlen stammen also aus dem ersten Jahr nach der Erweiterung der Union um zahlreiche ehemals sozialistische Länder.
Nur jeder Zehnte lebt auf westlichem Niveau
Das Material zeigt u.a., wie drastisch sich die Einkommensunterschiede gestalten. Ein prägnanter Satz lautet: „Nur das oberste Zehntel der Bevölkerung in den ehemals sozialistischen Länder genießt heute ein Lebensniveau vergleichbar mit dem von Zehnmillionen aus der breiten Mittelklasse in Deutschland oder Frankreich. Mit der Ausnahme Sloweniens und Tschechiens gehört die Mehrheit der osteuropäischen Bevölkerung hinsichtlich ihres Einkommens zum untersten Fünftel in Europa. So müssen an die 70 Prozent der Bewohner der baltischen Länder ihren Lebensunterhalt aus einem Einkommen bestreiten, das weniger als die Hälfte des europäischen Durchschnitts beträgt. Während in Ungarn dieser Anteil 56 Prozent beträgt, liegt er in Dänemark und Luxemburg bei nur zwei Prozent. Interessant übrigens, dass das Durchschnittseinkommen im Großherzogtum, dem reichsten Land der Union, das Fünffache jenes des ärmsten Landes (Litauen) beträgt.
Es ist nicht verwunderlich, dass die Armutsrate im Osten besonders hoch liegt. Zieht man die Armutsgrenze bei 60 Prozent des Durchschnittseinkommens eines Landes, kann ein Fünftel der Bevölkerung Polens und Litauens als arm eingestuft werden. Ähnliche Anteile verzeichnen übrigens auch Alt-EU-Staaten wie Spanien, Portugal und sogar Irland. Lettland, Griechenland sowie Italien gehören mit ihren 19 Prozent ebenfalls zu den relativ Armen.
Ungleiche Verteilung der Einkommen
Die Statistiken untersuchen auch die Ungleichheiten bei der Einkommensverteilung in den einzelnen Ländern der Union. Laut diesen Berechnungen sind die Unterschiede zwischen Arm und Reich im Portugal am größten, dicht gefolgt von Litauen, Lettland und Polen. Ungarn befindet sich in dieser Hinsicht im Mittelfeld, ähnlich wie Spanien, Griechenland und Italien. Die ausgewogensten Einkommensverhältnisse wurden in Schweden, Dänemark und Slowenien notiert.
Hinter krassen Differenzen steckt natürlich nicht zuletzt die Lage auf dem Arbeitsmarkt. Wie aus der Untersuchung hervorgeht, konnte in Ost- und Mitteleuropa der durch die Wende ausgelöste Rückfall noch keineswegs überwunden werden. Ungarn bildet in dieser Beziehung mit einer Aktivitätsrate von 62 Prozent der Bevölkerung und einer Beschäftigungsquote von nur 57,3 Prozent das EU-Schlusslicht.
Im übrigen bewegt sich die Zahl der Haushalte in der Union, in denen niemand berufstätig ist, um die 20 Prozent. In jedem zweiten Haushalt sind nicht alle aktiv. Das bedeutet, dass es nicht nur in Ungarn, sondern in der gesamten EU noch beträchtliche Arbeitskräftereserven gibt.
Hinsichtlich der Lebensverhältnisse der Bevölkerung kann Ungarn manche Besonderheiten aufweisen. Im EU-Schnitt ist die Zahl derjenigen Ungarn, die in eigenen vier Wänden leben, ungewöhnlich hoch. Bedauerlicherweise aber auch jener, deren Wohnung sich in riesigen und veralteten Plattenbauten befinden. So erreicht die Wohnungsqualität im allgemeinen nicht den europäischen Durchschnitt, weder was die Bautechnik, noch was die Wohnungsgröße betrifft.
Ein Gebiet, wo man mit dem Westen schon gleichgezogen hat, ist immerhin die Ausstattung der Wohnungen: 97 Prozent der ungarischen Haushalte verfügt über einen Farbfernseher, 92 Prozent über Telefon und 96 Prozent über eine Waschmaschine.
„Zu wenig“ Autos?
Demgegenüber findet man einen Computer nur in 40 Prozent der Haushalte, während der europäische Durchschnitt bei über 50 Prozent liegt. Zwar wird der Verkehr in Ungarn immer beängstigender, dennoch zeigen die Statistiken auch hier einen Nachholbedarf: Während 73 Prozent der EU-Haushalte über ein Fahrzeug verfügen, liegt der ungarische Anteil bei 46 Prozent. Auch sind es die Ungarn, die ihre Autos am wenigsten benutzen und überwiegend Busse und Bahnen in Anspruch nehmen. Endlich ein Fakt, um den sie in Zeiten horrender Spritpreise und der zunehmenden Luftverschmutzung sogar beneidet werden könnten.
Mehr dazu: “Osteuropa bleibt noch lange arm”
(c) Pester Lloyd
Ihre Meinung dazu?
______________
|