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(c) PESTER LLOYD / 17. März 2008


Die "Tschuschen" spielen auf

Vom 17. April bis 17. Mai findet das 5. Balkanfestival in Wien statt.

Der "Tschusch" dient dem Wiener als abwertender Oberbegriff für die Einwanderer aus Ex-Jugoslawien, so wie der "Piefke" für die Deutschen. Doch der "Tschusch" ist schlimmer, es sei denn, es handelt sich um Fussball, da geht nichts über bzw. unter den Piefke.

Das Bild des unrasierten, sozialschmarotzenden, stets etwas gewaltbereiten und nach Schnaps stinkenden Gürtelbewohners aus Ex-Jugoslawien ist Stigma und Teil des gelebten Rassismus´in Österreich. Freilich des eher unrasierten, sozialhilfeempfangenden und nach Schnaps stinkenden Österreichs, aber auch feinere Schichten rümpfen gern die Nase über sie und verdrängen dabei, dass die meisten von ihnen selbst, zumindest teilweise, Ergebnis jener genealogischen Völkerschlacht sind, aus der dieses Land hervorging.

Wer weiss schon noch, ob nicht dereinst der Großvater mit der kroatischen Hausangestellten oder der böhmischen Köchin... Und woher kommen eigentlich die ganzen -vics und -vats in den Namen hierzulande? Viele der Einwanderer sind mittlerweile eingebürgert, einfach nur hier zu Hause, arbeiten genauso "brav", leben das kleine Glück und reden mittlerweile ebenso viel dummes Zeug über Andersartige zusammen wie die "Ureiwohner".

Man kann aber Klischées und Vorurteile auch bekämpfen, indem man sie nur lang genug bedient, sie solange penetriert bis die Absurditäten einer negativen Auslegung von kulturellen Besonderheiten in einer spassigen und musikalisch hochwertigen Riesenparty tanzend und kreischend untergehen.

Genau dies versucht das Balkanfestival nun in seinem fünften Jahr. Dem Sound des Balkans widerfuhr in Wien mittlerweile, was z.B. dem Salsa schon weiltweit wiederfuhr - die Wandlung vom bestaunten Exoten zum Modeartikel. Wenn die Fanfaren Albaniens erklingen, ging dem Wiener vor kurzem noch ein Schauer kalten Grausens über den Rücken, der Besuch eines solchen Konzertes war ein bisschen wie das "Negergucken" im 18. Jahrhundert als man Mohren als Sensation in den Salons rumzeigte, nur eben politisch viel korrekter, aber genauso ungeheuer. Heute versteht man den Balkansound als selbstverständlichen Teil der Spassgesellschaft mit leichter Bekenntnissqualität zu Toleranz und Miteinander. Der Rest ist Kommerz. Nur die Kenntnis und der Geschmack der Veranstalter verhinderten bisher, dass die ganze Sache in ein kitschiges Folklorestadl abgerutscht ist und eine Empfehlung der ganz eigenen, eben Wiener Art ist und bleibt.

Neben arrivierten Stars der diversen Szenen aus World, Jazz oder Rock, aus traditioneller Musik oder klassisch inspirierter Kunstmusik will man in diesem Jahr auch wieder Newcomer und Geheimtipps promoten, um zu verhindern, "dass deren phantastische Stimmen und Sounds vom Getöse des „Balkan-Business“ erstickt würden…"

Fast wie in einem Manifest verkünden die Veranstalter ihr Credo: "Dabei verweigern wir uns lustvoll der alten und neuen Frontlinien zwischen Orient und Okzident, sondern präsentieren die üppige Ernte jener Felder, die quer zu diesen fiktiven Fronten gedeihen. Wir setzen auf Projekte, in denen Künstler und Künstlerinnen unterschiedlicher Pässe zusammenarbeiten - und sich auch nicht einander entfremden, weil die einen Tickets in die EU haben und die anderen nicht."  - An sechs Veranstaltungsorten "grassiert ein Konzertreigen, der die Grenzen zwischen Okzident und Orient der Vergangenheit angehören lässt und Ekstase mit Niveau versöhnt." Na, als dann: www.balkanfever.at

Marco Schicker

(c) PESTER LLOYD
 

Fotos (c): Asphalt Tango Records,
Donka Zlatanova & Valentin Kirov, Yann Saint-Sernin

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