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(c) PESTER LLOYD / 1. Februar 2008

 

Tausendjährige Komplexe

Pester Lloyd im Gespräch mit dem slowakischen Christdemokraten Frantisek Miklosko über das Verhältnis der Slowaken und der Ungarn, gegenseitige Vorurteile und Verletzungen und wenig ermunternde Zukunftsaussichten.

Zu diesem Thema:
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Frantisek Miklosko ist einstiger „Dissident“ – ein Untergrundkämpfer für die Kirche und die Freiheit allgemein. 1990 bis 92 war er der erste Präsident des Slowakischen Parlaments, danach lange Jahre Fraktionsvorsitzender der Christdemokraten. Auch heute in dieser Fraktion aktiv ist Miklosko mit Hilfe der deutschen Adalbert-Stiftung mit Ungarn eng verbunden. Seine Verdienste wurden 2005 mit dem Preis dieser Stiftung anerkannt. In seiner Rede anlässlich der Verleihungszeremonie in der Andrássy-Universität tat der slowakische Politiker etwas, was vor und nach ihm keiner seiner Landsleute je getan hat: Er entschuldigte sich als Slowake für die Ungerechtigkeiten, die nach 1945 die Slowakenungarn erleiden mussten. Er wurde dafür von manchen nüchternen Slowaken gelobt, von anderen als Landesverräter beschimpft. In dieser Sternstunde regierte in der Slowakei noch die bürgerliche Dzurinda-Regierung, der auch die Partei der Ungarn angehörte.

Seit 2006 führt die Slowakei der sich als Sozialdemokrat bezeichnende Smer-Vorsitzende Robert Fico, in Koalition mit den Nationalisten der Partei von Jan Slota. Sowohl die Christdemokraten, als auch die Ungarn befinden sich in Opposition. Wie lange? Miklosko, der er wissen muss, rechnet damit, dass diese Koalition insgesamt acht Jahre im Amt bleiben wird. Eine düstere Perspektive für die Ungarn dies - und jenseits der Grenze,

die seit der Amtsübernahme Ficos eine klares Erstärken des Nationalismus feststellen mussten. Und die ja anlässlich des Jahrestages der Benes-Dekrete im Vorjahr angeregt hatten, dass sich die demokratische Slowakei von denen distanziert.

Diese Dekrete hielten (neben die der Deutschen) auch die kollektive Schuld aller Ungarn in der damaligen Tschechoslowakei fest. Sie verloren ihre Bürgerrechte, ihr Vermögen, viele wurden ausgewiesen, verschleppt, verjagt – die meisten unschuldig. Doch all die Parlamentsparteien der Slowakei stimmten für die Bestätigung dieser Dekrete. Und die über halbe Million Slowakenungarn, die im Süden, großteils geschlossen entlang der Donau leben, haben es nicht leichter, sondern schwieriger.

Preßburg / Pozsóny / Bratislava


Smer -„national-kommunistisch“

Miklosko meint, dass die Smer die „nationalistisch- kommunistische“ Tradition in ihrer Minderheitenpolitik fortführt. Dies ist seiner Meinung nach ein falscher Weg, der nur zur Radikalisierung der MKP, der im wesentlichen bürgerlich-christlichen Ungarnpartei, führen kann. Fico ist Geisel seines Koalitionspartners Slota. Wäre er nicht in dieser Zwangslage, könnte er sich der MKP annähern. Doch der unbefangene Christdemokrat hat auch kaum Verständnis für manche Forderungen der Minderheit.

Eine Autonomie für sie im Süden sei unmöglich – leben ja auf diesem Gebiet auch viele Slowaken. Dieses Konzept wird sowohl von der politischen Elite wie von der slowakischen Intelligenz abgelehnt. Ebensowenig könnte ein durch die Ungarn verwaltetes Komitat eingerichtet werden. Miklosko gibt gerne zu, dass in der Lokalpolitik hinsichtlich Posten und Verteilung der Gelder immer die Parteiinteressen und -verbindungen die bestimmende Rolle spielen. Doch das war auch in der Zeit so, als die MKP im Komitat Nitra die Mehrheit hatte: Die Slowaken fühlten sich berechtigterweise überrannt und ausgegrenzt.

Und der Gast aus Bratislava weiß noch mehr Bedenkenswertes zu sagen: Anlässe, wo der ungarische Staatspräsident László Sólyom oder Parlamentspräsidentin Katalin Szili vor Slowakenungarn Reden halten, scheinen nicht mit den Vertretern der Minderheit koordiniert – sind also implizit schädlich. Die Slowakenungarn sind doppelte Geisel – neben Bratislavaer auch der Budapester Politik.

Traumata hier und da

Frantisek Miklosko erwähnt auch, was wenige Ungarn wissen: dass die Zahl der Schulen für die slowakische Minderheit in Ungarn ab den 1960er Jahren verringert wurde. Das ist ein Trauma, das den Slowaken sehr bewusst ist – ebenso bewusst wie die Zwangsmagyarisierung der Bevölkerung nach dem Ausgleich 1867 oder die Übergriffe der Ungarn in der Zeit 1938-1945, als die Südslowakei als "Oberungarn" nach dem Wiener Schiedsspruch wieder Ungarn zugeschlagen wurde.

Traumata gibt es also auf beiden Seiten. Auch große Unsicherheiten. Das Gebiet der heutigen Slowakei gehörte bekanntlich ein Jahrtausend als „Oberland“ zum Ungarischen Königreich. „Die“ Geschichte der Slowakei beginnt eigentlich im 19. Jh. Die frühere, ab dem 10 Jh., ist Teil der ungarischen Geschichte. Miklosko erinnert daran: Ohne den Hl. Stefan, dem Gründer dieses Staates, gebe es heute keine Slowaken! Die Idee, Historiker beider Länder zur Verfassung einheitlicher Schulbücher zu bewegen, befindet der Gast gegenwärtig als Illusion. Zunächst sollten sich die Slowaken über ihre eigene Geschichte einigen, meint er halb ironisch.

Und er hat auch nicht die Illusion, dass die gemeinsame EU diese tausendjährigen Probleme lösen kann: Brüssel anzurufen kann nur helfen, Nationalismus und Populismus anzuheizen. Kein ermunternder Blick in die Zukunft, doch sicherlich eine realistische Bestandsaufnahme. -ai

(c) Pester Lloyd

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