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(c) PESTER LLOYD / 25. Januar 2008

 

Laibach bekommt (k)eine neue Oper

Für 180 Mio EUR entsteht mit dem "Novi Kolizej" im Zentrum der slowenischen Hauptsadt aber immerhin ein zukünftiger Kultur- und Publikumsmagnet mit einigem touristischen und urbanen Potential.

In den Teesalon der Wiener Staatsoper geladen zu werden, einen jener wenigen Räume, die aus den Trümmern des alten Hauses originalgetreu gerettet werden konnten, ist an sich eine angenehme Sache. Zumal, wenn dort die Entstehung eines neuen Opernhauses in Ljubljana / Laibach verkündet wird, fühlt man sich schnell in den Anachronismus einer kulturautokraten Prunksucht sonst eher unseliger k.u.k.-Zeiten versetzt und denkt: die alten Achsen funktionieren also noch. Ist in Slowenien der schiere Wohlstand ausgebrochen? 180 Mio. EUR für das neue Opernhaus eines 2- Mio-Völkchens?

Doch im Gegensatz zu vielen Opernvorstellungen enden schöne Träume meist zu früh. Kalt fragmentiert eine Pressekonferenz das hehre Vorhaben in das kleinliche Hier und Heute der Feasability-Studien und Renditeforcasts. Ljubljana bekommt, soviel lässt sich sagen, kein neues Opernhaus, es wäre auch zu schön gewesen. Im Gegenteil, es erhält einen "multifunktionalen Komplex", was auch den Präsentationsort erklärt, schließlich kennt man sich hierzulande mit Komplexen bestens aus.
 

Entwurf für das neue multifunktionale Opern- und Konzerthaus mit Einkaufsbereich, Büro- und Wohnflächen, Abb: Neitlings Riedjik


Eine altösterreichische Kaserne muss für ein wahrlich europäisches Projekt weichen - schade um das Baudenkmal, nicht so schade um eine Kaserne...

Es ist für den ausbaufähigen Kulturtourismus des Musterlandes unter den Neu-EU-Mitgliedern an der Zeit gewesen, mit einem großen innerstädtischen Projekt dem Sinnen nach Moderne und Teilhabe am europäischen Kultur- und Wirtschaftsleben Ausdruck in Glas, Beton und Stahl zu verleihen. Das alte Opernhaus, ein 1892er Nachzügler der Gründungswelle nationaler Musentempel, beherbergt gerade 400 niedliche Sitzplätze, daher ist der Wunsch nach einem großen Haus nachvollziehbar. Eine "denkmalgeschützte" altösterreichische Kaserne von 1846 muss für das Projekt dran glauben. Schade um das Denkmal, nicht so schade um eine Kaserne. Und es ist ein wahrlich europäisches Projekt, dass man zwischen dem alten Stuck und Nippes Kaiser Franz Josephs verkünden konnte. Realisiert wird es durch den größten inländischen Immobilienentwickler, die Krainische Investmentgesellschaft als Bauherren, die holländischen Architekten Neitlings Riedjik, den britisch-amerikanischen Theaterplanern von TPC (u.a. Glyndeborne), einen deutschen Akustiker und den österreichischen Generalkonsulenten Vasko+Partner, der vor allem auch in Mittelosteuropa auf etliche erfolgreiche Referenzen verweisen kann.
 

Das “alte” Opernhaus Ljubljana, eröffnet 1892, Foto: Wikipedia

 

Die Oper schmilzt im Laufe der Pressekonferenz zu einer Gastspielstätte mit Shoppingmall, Büros und Tiefgaragen.

Das "Novi Kolizej" beginnt Ende 2008 zu entstehen, auf über 80.000 Quadratmetern Gesamtfläche wird eine Konzert- und Theaterhalle mit 1.811 Plätzen gebaut, zwei Türme (74 und 63 m) geben insgesamt 16.000 qm Bürofläche und 10.000 qm "Luxuswohnbereiche" her. Auf 8.000 qm entsteht ein fünfgeschossiges Einkaufsareal und sechs unterirdische Etagen bieten 1.095 Parkplätze. Über dem "sphärischen" roten Theatersaal, der von außen ein bisschen so aussieht als wäre Montserrat Caballé in Abendrobe in der Tür stecken geblieben, laden Wintergarten, Foyer mit Panoramaterrasse und Restaurant dazu ein über weitere günstige Geldanlagen zu beratschlagen oder einfach nur zu feiern.

Ein Projekt also, dass eigentlich keinen Grund dafür liefert, den versammelten Pressevertretern ein X für ein U vorzumachen. 2012 wird der Komplex eröffnet, das "Opern- und Konzerthaus" wird weder über ein eigenes Ensemble noch ein Orchester oder sonstiges darstellendes Personal verfügen. Es handelt sich also eher um eine Gastspielstätte, oder, wenn man böse sein will, und manchmal will man, um eine Shoppingmall mit Tiefgarage und Musikzimmer. Das ganze Projekt ist von Herrn Anderlics Immobilienimperium privat finanziert, er möchte tolle Gastspiele hier sehen, das Laibacher Festivalbüro ist schon mit im Boot. "Doch die Produktionsstätte wird die alte Oper bleiben.", meint er. Was dazu die alte Oper meint, Inszenierungen für eine handtellergroße Bühne auf Fußballfeldgröße aufzublasen, sei dahingestellt, es ist ja noch Zeit. Angedacht ist auch, einen öffentlichen Geldgeber über eine Stiftung mit in die Verantwortung zu nehmen, schließlich erhofft man sich "über die ausgebauten Autobahnverbindungen" einiges Publikum, z. B. aus dem nahen Graz, "und auch Wien wollen wir ein bisschen Konkurrenz machen", scherzt Anderlic, den man als Oligarchen bezeichnen könnte, wenn das für das kleine Slowenien nicht doch etwas überschäumend klänge. Er, der öffentliche Geldgeber, wird wohl indes heilfroh sein, sich aus Finanzierung und Betrieb eines solchen Mammutprojektes heraus halten zu können, vom Prestigegewinn aber doch zu partizipieren.

Wenn eine "Oper" betriebswirtschaftet wird, kommt dabei ein "Multiplex" heraus.

Wer sich noch an das Hickhack um das Budapester Nationaltheater und den Palast der Künste erinnert (viel zu teuer, viel zu groß), freut sich jetzt vor allem über die letzgenannte als eine Einrichtung von hoher künstlerischer Qualität und stetig wachsendem europäischen Rang. Freilich, immer noch teuer, aber Identität stiftend. Ob man das einmal über die "neue Oper" in Laibach sagen wird, darf mit guten Erfolgsaussichten bezweifelt werden, auch wenn man darüber den Stab nicht so schnell brechen sollte wie über die Ankündigung eines "neuen Opernhauses", dass ein - oder vielleicht sogar das allerschönste - "Multiplex" sein wird. Und so zeigen doch die Art und Weise des Entstehens, das Konzept und die mutmaßliche Nutzung gut an, auf welche von der Betriebswirtschaft gezogenen Grenzen die Kultur stößt, wenn der Staat und durch ihn das Volk, sich aus diesen Belangen heraus hält. Wahrscheinlich hat es, das Volk, auch im aufwärts strebenden Slowenien Sorgen, die sich nicht mehr so einfach durch einen schönen Theaterabend vertreiben lassen. Dann soll es eben shoppen gehen.

Marco Schicker

 

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