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(c) PESTER LLOYD / 20. Dezember 2007 Kommentar
Die Schengenlüge
Die Schranken fallen, die Beschränkheit aber nicht: Schengen macht noch keine Europäer.
Kurz vor Weihnachten tun Politiker wieder, was sie am besten können. Sich bei "Ortsterminen" in medienwirksame Posen werfen und großzügig Geschenke aus ihren reich gefüllten Plattitüdensäcken verteilen. Von "historischen Momenten" wird dann wieder die Rede sein, vom "Zusammenwachsen" und von "gelebter Nachbarschaft". In hiesigen Breiten wird viel vom "Herzen Europas" schwadroniert werden, dazu schraubt man Grenzschilder ab, hisst Fähnlein, demontiert Schlagbäume. Doch was bedeutet Schengen wirklich?
I - Die Mauern fielen 1989/90 - Schengen baut sie an anderer Stelle wieder auf
Wer bisher noch in kleinem Grenzverkehr von Serbien nach Ungarn, von der Ukraine in die Slowakei fahren konnte, natürlich auch, um mit dem einen oder anderen vielleicht krummen Geschäftchen sein karges Auskommen in der Heimat zu verbessern, der spürt "nach Schengen" erst so recht, was es heißt ein zweitklassiger Europäer zu sein. Nun darf er sich mit umständlichen Visabeantragungsabsurditäten befassen. Den Zynismus erkennt man schon bei einem Blick z.B. auf die Webseite der österreichischen Botschaft in Sarajevo oder Kiew. Die Liste der beizubringenden Offenbarungen über die Lebensumstände des Antragsstellers implementiert, daß jeder Bosnier, Serbe, Ukrainer im Prinzip ein Verbrecher ist, ihm großzügig aber die Möglichkeit gegeben wird, das Gegenteil zu beweisen.
Das Schengen-Monument an der Mosel. Die Ähnlichkeit mit einem Friedhof scheint zufällig, ist aber auffällig. Im Hintergrund: ein Verkehsschild: “Durchgang nur für authorisierte Personen... Foto: Wikipedia
Das ist eben der Fluch, wenn die Diebesbanden aus diesen Ländern immernoch unrasiert und in abgerissenen Lederjacken agieren, statt, wie im 1. Europa, als Kartelle im Nadelstreif. Sie also nicht "eu-konform" sind. Die krummen Geschäftchen bleiben nun exklusiv den Schengenbewohnern vorbehalten. Den Schmuggel wird die sogenannte Schleierfahndung nicht verhindern. Zu Details fragen Sie bitte österreichsiche Trafikanten im tschechischen Grenzgebiet, um nur eine Opfergruppe zu nennen.
II - Die Freizügigkeit wird durch Schengen nicht erhöht
Österreich und Deutschland halten an ihrer völlig absurden Quotierungspolitik für Arbeitskräfte aus den Nachbarländern bis mindestens 2009 fest. Zwar werden hier oder da einige Kontingente erhöht, an der realitätsfernen "Arbeitnehmerschutz"-Politik dieser unseligen Koalition aus Arbeiterkammer/Gewerkschaften und Politikern, die, weil sie sonst nichts bringen, meinen, sie könnten mit einer solchen Pseudofernhaltepolitik an diversen Stammtischen punkten, ändert dies aber nichts. Es stimmt nachdenklich, wenn nicht Politiker, sondern Wirtschaftsverbände den progressiven Teil der Politik repräsentieren.
Eines Tages werden tatsächlich alle Facharbeiter frei von Ost nach West gehen können, doch dann wird es in Ost längst keine mehr geben, die noch wollen. Schengen hat noch eine Falle aufgebaut. In Tschechien, zum Beispiel, bedient man sich schon seit Jahren recht munter pragmatisch bei Fachkräften aus der Ukraine, Kasachstan usw. - Nun kommt Schengen mit europaweiten Regeln und aus ist es mit der Rekrutierung der fehlenden Schrauber. "Schengen könnte dem Arbeitsmarkt in Tschechien echte Probleme bereiten." sagt dazu der österreichische Handelsdelegierte in Prag. Der Autohersteller Hyundai, z.B., der recht schnell 2.500 Leute für sein neues Werk in Osttschechien benötigt, befürchtet elendige Papier- und Amtsschlachten. Nach der Logik und Zwang des Kapitals würde ein nächstes Werk, von wem immer, dann gleich in der Ukraine gebaut.
III - Schengen zementiert die "Festung Europa"
Abgesehen von der Zurückstufung Rest-Europas auf ein Vorwendeniveau, manifestiert sich in Schengen das Debakel Europas, die Einzementierung und Abschottung eines geschlossenen Systems vor den Realitäten der Welt, die Europa mit geschaffen hat. Die Mauern fielen 1989/90. Schengen baut sie nun, an anderer Stelle wieder auf. Der Zulauf afrikanischer und anderer Verzweifelter über das Mittelmeer oder die grünen Grenzen wird durch Schengen nicht um eine Person verringert werden, nur die Abwehr wird effektiviert. Die Abwehr von Leuten, meist landlosen Bauern, deren einheimischen Arbeitgebern die europäischen Exportsubventionen das Wirtschaften unmöglich machten. Wenn Europa, zum Wohle seiner Land- und Lebensmittelwirtschaft an diesem überstaatlichen Preisdumping in der dritten Welt festhalten will, sollte es entweder das Hungern abstellen oder die Hungernden aufnehmen. Alles andere ist nicht europäisch, sondern barbarisch.
Marco Schicker
(c) Pester Lloyd
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